Anerkennung der Kurdischen Identität

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Dipl. Soz. Nihal Bayram: Muttersprache und Identität

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Die kurdische Sprache

Die kurdische Sprache gehört zur Sprachfamilie der iranischen bzw. indiogermanischen Sprachen, worunter sich Persisch, Paschto, Belutschi, Kurmandschi, Sorani, Luri, Zazaki, Gorani befindet. Die kurdische Sprache selbst wird in mehreren /verschiedenen Dialekten gesprochen. Der von etwa 10 Millionen Menschen am weitesten verbreitete und gesprochene Dialekt ist Nordkurdisch/ Kurmanci und wird vor allem in Mesopotamien, an der türkisch-iranischen Grenze, im Norden Iraks, im Kaukasus und in Syrien gesprochen.

Das mit 4 Millionen Menschen gesprochene Mittelkurdisch/Sorani wird u.a. im Süden Iraks und an der iranischen Grenze gesprochen. Neben dem Nordkurdischen und Mittelkurdischen gibt es das heutige mit etwa 3 Millionen Menschen verbreitete Kirmanci/Zazaki, welches vor allem in bestimmten kurdischen Provinzen, kurdischen Landkreisen innerhalb der heutigen Türkei gesprochen werden. Eine weitere Differenzierung ist das mit etwa 500.000 Menschen verbreitete Gorani/Gurani, welches vorwiegend in den Provinzen des südlichen Teils gesprochen wird. Neben diesen genannten gibt es noch weitere Differenzierungen, welche damit einen reichen und eigenständigen Sprachschatz der kurdischen Sprache belegen. Eine Sprache ist ein wichtiger Bestandteil der menschlichen Kultur und sollte mit allen Möglichkeiten erhalten, bewahrt und gefördert werden. Auch die kurdische Sprache sollte als Muttersprache von Millionen von Kurdinnen und Kurden mit allen Mitteln und Wegen kontinuierlich gestärkt und gefördert werden.

Die Bedeutung der Muttersprache

Die Achtung der Sprachenvielfalt gehört zu den Grundwerten der Europäischen Union (Amtsblatt Nr. C. 115 , Art, 3 Abs.3). Die Sprachenvielfalt wird hierbei als Fähigkeit und Reichtum einer Person und damit infolge auch als Grundbaustein für eine erfolgreiche Gesellschaft verstanden. Mehrsprachigkeit ist in diesem Zusammenhang das Schlüsselwort. Dies gilt nicht nur für all die registrierten Amtssprachen der Europäischen Union, sondern auch für alle Regionalsprachen, Minderheitensprachen und für die nicht indigenen Sprachen einzelner Migrantengesellschaften. Auch spielt die Beherrschung der eigenen Muttersprache laut zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen renommierter Linguisten im Fokus der individuellen Identitäts- und Persönlichkeitsbildung eine entscheidende Rolle. Laut wissenschaftlichen Untersuchungen unterstützt und fördert der muttersprachliche Unterricht zudem das Erlernen weiterer Sprachen und leistet damit ein wichtiger Beitrag zur Mehrsprachigkeit.

In der Verwaltungsvorschrift des Landes Rheinland-Pfalz heißt es u.a. hierzu: „Der muttersprachliche Unterricht (MU) unterstützt die schulische und soziale Integration und fördert die sprachliche und kulturelle Persönlichkeitsbildung. Er ist Bestandteil der interkulturellen Bildung und Erziehung.“

Die UNESCO selbst zählt die kurdische Sprache zudem zu einer der akut bedrohten Sprachen der Welt. Die Ermöglichung eines muttersprachlichen Unterrichtes für kurdische Schülerinnen und Schüler in Deutschland ist insofern ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung und Bewahrung der kurdischen Sprache.

Statistik zur Muttersprache am Beispiel Rheinland-Pfalz

Alleine in Rheinland-Pfalz werden folgende 17 Sprachen in Form des muttersoprachlichen Unterrichtes gefördert: Türkisch, Italienisch, Portugiesisch, Arabisch, Griechisch, Albanisch, Kroatsich, Serbisch, Bosnisch, Russisch, Spanisch, Marokkanisch Tunesisch, Farsi (Persisch), Polnisch, Chinesisch und Iranisch.
Hierzu unterrichten insgesamt 150 Lehrkräfte des Landes Rheinland-Pfalz und 2 Konsularangestellte den muttersprachlichen Unterricht an deutschen Regelschulen.

Der Antrag auf muttersprachlichen Unterricht in kurdischer Sprache wurde seit dem Wahlsieg der kurdischen Liste, Mitglied des Beirates für Migration und Integration der Landeshauptstadt Mainz, beim Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur eingereicht und bisher aus Gründen „geringer Haushaltsmittel“ insgesamt 3 Mal abgelehnt. Warum jedoch parallel hierzu zahlreiche Doppelförderungen einzelner Projekte zur Migration und Integration angenommen und damit Seitens der Ministerien mehrfach gefördert werden können und „geringe Haushaltsmittel“ dabei seltsamer Weise keine relevante Rolle spielen, ist eine weiterhin bestehende offene Frage.

(Vor-)Bedingungen des muttersprachlichen Unterrichtes

Laut Verwaltungsvorschrift kann der muttersprachliche Unterricht von der Grundschule bis zur Sekundarstufe I erteilt werden. Der Unterricht wird dabei außerhalb des Regelunterrichtes, meist an den Nachmittagen unter der Woche und in der Regel mit 3 bis höchstens 5 Wochenstunden Seitens eines muttersprachlichen Lehrkörpers durchgeführt. Die nötige Mindestteilnehmerzahl einer Schülergruppe besteht aus 8 bis 10 Schülerinnen und Schülern. Die Leistungsbeurteilung des muttersprachlichen Unterrichtes erfolgt in Form eines Zeugnisses; in seltenen Fällen auf Wunsch der Eltern in Form einer Bescheinigung. Die Lehrkräfte, welche für diesen Unterricht eingestellt werden können, müssen eine nachgewiesene Lehramtbefähigung ihres Heimatlandes oder Deutschlands haben und eine Unterrichtserfahrung im Bereich Sprachunterricht sowie ausreichende deutsche Sprachkenntnisse vorweisen können. Die Schülerinnen und Schüler können aus verschiedenen Schulen, Alters- und Schulklassen bestehen und werden in einer Seitens des ADD auserwählten Schule zusammen/gemeinsam unterrichtet.

Förderung der kurdischen Sprache

Seit 1980 wird die Förderung des muttersprachlichen Unterrichtes in Kurdisch deutschlandweit gefordert. Seit der Gründung der YEK-KOM im Jahre 1984 wird diese Forderung auf institutioneller Basis organisiert. Gegenwärtig wird der muttersprachliche Unterricht in kurdischer Sprache in der Hansestadt Bremen, in Niedersachsen, in der Hansestadt Hamburg, in Nordrhein-Westfalen und in Baden-Würtemberg durchgeführt. Nach offiziellen Angaben erhalten deutschlandweit etwa 1.000 kurdische Schülerinnen und Schüler muttersprachlichen Unterricht in kurdischer Sprache. Diese geringe Anzahl an muttersprachlichem Unterricht sollte so bald wie möglich erhöht und ein Antrag auf muttersprachlichen Unterricht in kurdischer Sprache bei den jeweiligen Ministerien der einzelnen Bundesländer eingereicht werden.

Wie am Beispiel Rheinland-Pfalz gezeigt darf eine Ablehnung eines Antrages auf muttersprachlichen Unterricht in kurdischer Sprache keineswegs zum persönlichen Rückschritt des Vorhabens/ des Projektes führen. Das Deutsche Grundgesetz und damit die Deutsche Justiz haben die Aufgabe und auch die Pflicht, alle in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Volksgruppen, Kulturkreise, Religionen, Migrantengruppen und Minderheiten zu schützen, zu fördern und jegliche Art einer Diskriminierung zu unterbinden. Hierzu gehört, dass auch die kurdische Gesellschaft in Deutschland das natürliche Recht auf das Erlernen der Muttersprache und im Fokus der Verwaltungsvorschriften der einzelnen Bundesländer das Recht auf regulären Erhalt eines muttersprachlichen Unterrichtes an deutschen Regelschulen hat. Und dieses Grundrecht kann und darf sich nicht an Ablehnungsgründen wie angeblich „geringer Haushaltsmittel“ an der Erlangung ihres legalen Rechtes auf Unterricht in der eigenen Muttersprache behindern lassen.

Für eventuelle Fragen, Hilfestellungen und Anregungen bietet die Vereinigung der kurdischen Lehrer (Yekîtiya Mamosteyên Kurd www.dengemamoste.com), der kurdische Eltenverein e.V. (Yekîtiya Malbatên www.yekmal.de) sowie die Föderation kurdischer Verein in Deutschland (Yekitîya Komalên Kurd Li Elmanya www.yekkom.com) ihre ehrenamtliche Unterstützung an.

Dipl. Soz. Nihal Bayram

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